Das Schichtensystem beim Radfahren
Wer bei wechselhaftem Wetter Rad fährt, will weder schwitzen noch frieren. Das Schichtensystem löst das: mehrere dünne Lagen statt einer dicken Jacke, einzeln an- oder ausziehbar je nach Temperatur, Wind und Regen. Die unterste Schicht hält die Haut trocken, die nächste wärmt. Dazu kommen eine Lage gegen Wind und außen eine gegen Nässe. So bleiben Sie unterwegs angenehm temperiert.
Warum mehrere Schichten?
Zwischen den Lagen bildet sich ein Luftpolster, das Ihre Körperwärme speichert. Je mehr Schichten Sie tragen, desto wärmer ist es, und Sie können die Anzahl der Lagen jederzeit an die Bedingungen anpassen. Bei einer Pause ziehen Sie eine Schicht an, bei einer Abfahrt kommt eine dazu. Eine einzelne dicke Jacke bietet diese Flexibilität nicht: Entweder ist sie zu warm für den Anstieg oder zu dünn für die Abfahrt.
Dazu kommt der Feuchtigkeitstransport. Beim Radfahren produziert der Körper auch bei Kälte Schweiß, gerade bei Anstrengung. Wenn dieser Schweiß auf der Haut bleibt und verdunstet, kühlt der Körper stark aus. Das Schichtensystem sorgt dafür, dass die Feuchtigkeit von der Haut nach außen transportiert wird, wo sie verdunsten kann, ohne dass Sie auskühlen.
Baselayer
Der Baselayer, auf Deutsch auch Unterhemd oder Funktionsunterwäsche genannt, wird direkt auf der Haut getragen. Er leitet Schweiß von der Haut weg und reguliert so die Körpertemperatur. Ein guter Baselayer hält die Haut trocken, auch wenn Sie stark schwitzen, und verhindert damit das unangenehme Auskühlen nach dem Fahren.
Materialien entscheiden über die Wirkung. Kunstfasern wie Polyester leiten Feuchtigkeit schnell ab und trocknen rasch. Ein Beispiel ist das Thermal Unterhemd von Rapha, das aus Polartec-Fleece besteht, einer Mischung aus 85 Prozent Polyester und 15 Prozent Elasthan. Diese Kombination bietet ein gutes Wärme-Gewichts-Verhältnis und trocknet schnell. Wolle, etwa Merinowolle, wärmt auch im feuchten Zustand und neutralisiert Gerüche, trocknet aber langsamer als Kunstfaser. Baumwolle sollten Sie als Baselayer meiden: Sie saugt sich mit Schweiß voll, klebt auf der Haut und kühlt dann stark aus.
Kaufen Sie einen Baselayer, der eng anliegt, aber nicht einschnürt. Nur so nimmt er Feuchtigkeit direkt von der Haut auf und leitet sie weiter. Achten Sie auf flache Nähte, die unter dem Trikot nicht scheuern.
Trikot
Das Trikot ist die mittlere Schicht und hat zwei Aufgaben: Es speichert Wärme und transportiert Feuchtigkeit nach außen. Im Sommer kann das Trikot allein als oberste Schicht dienen, im Winter bildet es die Basis für Weste und Jacke.
Trikots gibt es in verschiedenen Ausführungen: dünne Modelle für warme Tage, gefütterte oder langärmlige Varianten für die Übergangszeit und Wintertrikots mit wärmendem Innenmaterial wie Fleece oder Thermo-Stoffen. Das Material ist fast immer Polyester oder ein Polyestergemisch, das Feuchtigkeit ableitet und schnell trocknet. Viele Trikots haben einen durchgehenden Reißverschluss für die Belüftung: Bei Anstrengung öffnen Sie ihn, bei Abfahrt schließen Sie ihn.
Wichtig ist die Passform. Ein Rennradtrikot sitzt eng und aerodynamisch, ein Touren- oder Mountainbiketrikot ist etwas weiter geschnitten. Das Trikot darf nicht zu weit sein. Sonst entsteht kein Luftpolster, sondern ein Hohlraum, der keine Wärme speichert. Die Rückentaschen am Trikot sind praktisch für Handschuhe, Mütze oder eine dünne Weste, die Sie unterwegs überziehen.
Weste
Die Weste ist die vielseitigste Schicht im System, weil sie den Körperkern wärmt, ohne die Arme einzuschränken. Sie schützt vor Wind und hält die Körpermitte warm. Die Arme bleiben frei beweglich und können überschüssige Wärme abgeben. Genau das macht sie ideal für wechselhafte Temperaturen, etwa im Frühjahr oder bei einer Ausfahrt mit Anstiegen und Abfahrten.
Eine Windweste hat vorne ein dünnes, winddichtes Material und hinten einen atmungsaktiven Stoff. Die Vorderseite blockiert den Fahrtwind, der sonst durch das Trikot kühlt. Der Rücken lässt Feuchtigkeit entweichen. So bleiben Sie warm, ohne ins Schwitzen zu geraten. Viele Westen lassen sich klein zusammenfalten und in der Trikottasche verstauen. So können Sie sie bei Bedarf schnell überziehen.
Die Weste ersetzt keine Jacke bei Regen oder eisigen Temperaturen, aber sie verlängert den Einsatzbereich eines normalen Trikots erheblich. Bei Temperaturen um zehn Grad mit Wind ist eine Windweste oft besser als eine dicke Jacke, weil Sie sich bei Anstrengung nicht überhitzen.
Jacke und Wetterschutz
Die Jacke ist die äußerste Schicht. Sie kommt zum Einsatz, wenn Wind, Kälte oder Regen die anderen Schichten überfordern. Unterscheiden Sie zwischen einer wärmenden Jacke und einem reinen Wetterschutz. Eine Winterjacke ist gefüttert und hält auch bei Minusgraden warm. Eine Regenjacke ist dünn, aber wasserdicht und wird über Trikot und Weste gezogen.
Der Wetterschutz funktioniert über Membranen oder Beschichtungen. Eine Membran wie Gore-Tex oder ähnliche Materialien ist wasserdicht und atmungsaktiv: Sie lässt Schweißdampf nach außen entweichen, hält aber Regentropfen ab. Je höher die Wassersäule, desto dichter ist das Material, aber desto weniger atmungsaktiv wird es. Für Radfahrer ist ein Kompromiss wichtig: Eine komplett dichte Jacke wird bei Anstrengung von innen nass, weil der Schweiß nicht entweichen kann. Deshalb haben gute Radjacken Belüftungsöffnungen unter den Armen oder am Rücken.
Eine Regenjacke schützt nur, wenn sie wirklich dicht ist. Nähte müssen verschweißt sein, der Reißverschluss braucht eine wasserdichte Abdeckung. Achten Sie außerdem auf eine Kapuze, die unter den Helm passt, oder auf einen hohen Kragen, der den Nacken schützt.
Kombinationen für verschiedene Wetterlagen
Das Schichtensystem entfaltet seinen Nutzen erst in der Kombination. Hier einige bewährte Zusammenstellungen, die Sie je nach Temperatur und Wetter anpassen können:
- Bei warmen Temperaturen: Nur ein dünnes Trikot, bei starker Sonne mit kurzen Armen. Einen Baselayer brauchen Sie dann meist nicht.
- Bei milden Temperaturen: Baselayer, dünnes Trikot und eine Windweste. Bei Regen zusätzlich eine dünne Regenjacke.
- Bei kühlen Temperaturen: Baselayer, Wintertrikot und eine wärmende Jacke. Bei Wind zusätzlich die Weste unter der Jacke.
- Bei Frost: Zwei Baselayer oder ein dicker Baselayer, Wintertrikot, wärmende Jacke und eine dünne Windjacke als äußerste Schicht.
Diese Kombinationen sind Richtwerte, keine festen Regeln. Ihre persönliche Wohlfühltemperatur hängt von Ihrer Fitness, der Fahrgeschwindigkeit und der Strecke ab. Wer schnell fährt oder viele Anstiege hat, schwitzt mehr und braucht weniger Schichten. Wer gemütlich unterwegs ist oder viel abfährt, friert schneller und kleidet sich wärmer.
Eine gute Faustregel: Ziehen Sie sich so an, dass Ihnen in den ersten Minuten leicht kühl ist. Nach dem Aufwärmen erreichen Sie die angenehme Temperatur, ohne ins Schwitzen zu geraten. Wenn Sie bereits am Start warm angezogen sind, schwitzen Sie nach kurzer Zeit und kühlen dann aus.